Kübelesmarkt

Fasnetsdienstag

Während die Narren mit dem Spielmannszug durch die Cannstatter Läden ziehen, hat sich der Küblerrat mit dem Oberbürgermeister und den Honoratioren der Stadt zu einer Küblerratssitzung ins Kleine Rathaus, der typischsten aller Weinstuben der Sauerwasserstadt, zurückgezogen. Dort gilt es Wortgefechte mit dem scharfen Mundflorett auszutragen.

Draußen in der Marktstraße rotten sich derweil mehr als 800 Kinder zusammen um auf den „Geizig“ zu warten, eine Figur, die nur am Fasnetsdienstag auftritt. Glockenschlag zwölf Uhr tritt er auf den Plan und führt die Kinder, beständig zu Geizig-Rufen anfeuernd, von Laden zu Laden. „Geizig, geizig, geizig isch der Bäck. Und wenn er net so geizig wär, no gäb er au a paar Brezla her!“ So schreiend fordern die Kinder und der Geizig die Ladenbesitzer zur närrischen Bescherung auf. Gut zwei Stunden dauert der Zug der Kinder. Er endet vor dem alten Rathaus, das in diesen Tagen besonders fasnächtlich dekoriert ist. 

Mehr als dreißig Kindergärten, Tagheime, Horte und Schulen haben sich wochenlang auf das Ereignis des Jahres vorbereitet: Am Fasnetsdienstag ist Kinderumzug. Wikinger, viele Harry Potters, ein ganzer Zoo, Marienkäfer und Germanen, Indianer und Kirchenmäuse besiedeln die historische Innenstadt. Mit sehr viel Liebe zum Detail beschäftigen sich die Pädagogen schon Wochen und Monate vorher mit dem Thema ihrer närrischen Darstellung. Der Lohn für diese Mühe ist ebenso mager wie heiß begehrt: eine rote Wurst in einem Wecken, den der Küblerrat den Kindern spendiert.

Kurz vor sieben rücken die Schwerttänzer aus, um vor dem alten Rathaus ihren Tanz aufzuführen. Weiß gewandet, mit roten Schärpen umgürtet und rote Baretts tragend ziehen sie zum Klang von Trommeln und Pfeifen auf. Begleitet werden sie von einem Narren mit Spitzhut und rußgeschwärztem Gesicht. Dieser Tanz wurde als Reminiszenz an die Schwerttänze des 16. Jahrhunderts in den 1950er Jahren vom österreichischen Volkskundeprofessor Richard Wolfram nach alten Tanzbelegen neu geschaffen. Seit einigen Jahren wird der Schwerttanz am Abend des Fasnetsdienstag aufgeführt. Höhepunkt ist die symbolische Tötung des Narren, also des „Gottesleugners“, und seine Wiedererweckung als Bekehrter. Er übernimmt den Platz des Anführers, der auf einem Geflecht aus Schwertern von allen Tänzern über deren Köpfe gehoben wird. 

Das Ende: Fasnetsverbrennsäufung. In den Abendstunden dümpelt die Fasnet ihrem Ende zu. Die Geldbeutel sind leer, die Herzen voll und mancher Narr auch. Zaghafter als an den Abenden zuvor füllen sich die Gaststätten. Vereinzelt ziehen noch Felben und Monde durch die Wirtshäuser um aufzusagen, was noch zu sagen ist. Doch kurz vor zwölf treffen sich noch einmal alle vor dem Zunfthaus. Die noch vor Stunden närrischen Bürger der alten Oberamtsstadt haben sich in schwarze Gewänder gehüllt. Ruhig formiert man sich zu einem Trauerzug, der, angeführt von zwei „scheinheiligen Geistlichen“ und einem Musikanten mit einer großen Trommel, in langsamen Schritten durch die Marktstraße zum Rathaus zieht. Mit sich führt man eine auf einer Bahre liegende Strohpuppe. Vor dem Rathaus versammelt sich die große Trauergemeinde um den Narrenbaum und singt gemeinsam: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr.“ Die bislang ausgelassene Stimmung wird ernst und feierlich und es geht wenige Meter weiter zur Wilhelmsbrücke. Am Scheitelpunkt angekommen erheben die beiden Geistlichen das Wort und sprechen Mahnendes an die versammelte Narrenschar, bevor die Strohpuppe über das Brückengeländer gehängt und angezündet wird. Kurz darauf stürzt die brennende Puppe in den Neckar und versinkt langsam in den dunklen Fluten des Flusses. Vereinzelt hört man noch den Ruf: „Hebet se!“