Kübelesmarkt

Hemmedschnall’ ond Miederhoka

Wie Cannstatts Trachten rekonstruiert wurden Von Wulf Wager

Tracht – welche man heute allgemein als schönes, wertvolles Festtagsgewand der bäuerlichen Bevölkerung ansieht, ist das Ergebnis einer Mischung von Vorschrift, Verbot, Gebot und Mode. Jahrhundertelang schrieben die Herzöge Württembergs ihren Unter-tanen in den verschiedenen Schichten vor, was sie zu tragen hatten und mit welchen Textilien und Accessoires sie sich keinesfalls gewanden durften, selbst wenn das nötige Geld dafür vorhanden gewesen wäre. Diese Kleiderordnungen hatten zwei Funktionen: Es ging um die Festigung der feudalen Ordnung, denn die Stände sollten nach außenhin sichtbar durch ihre Kleidung abgegrenzt werden, zum anderen wollte die Obrigkeit die heimische Textilwirtschaft absichern und nicht zulassen, dass eine so große Bevölkerungsschicht wie die Bauern, Stoffe und Zierrat aus dem Ausland (dazu gehörte damals auch Baden und Bayern) kaufte, während man auf heimischen Produkten sitzen blieb.1

Kleidervorschriften waren in der „Württembergischen Polizeyordnung“ festgeschrieben. Die erste erließ Herzog Ulrich 1549. Eine barock-weitschweifige-Verordnung, die bis in unsere Zeit hinein wirkte, erließ Herzog Eberhard Ludwig um 1712. Darin teilt er seine Untertanen in 9 Klassen ein. Dort heißt es: „Neunte Claß. Begreift in sich die gemeine Bauers-Leuthe. Welche keine Tücher, wo die Ehl über 12 Batzen kommt tragen sollen. Allerhand schlechte und geringe Zeug. Schürtz von weiß und schwarzer Leinwand, jedoch von geringem Wehrt.“ Verboten waren beispielsweise seidene Strümpfe, Reifröcke und das Tragen von massiv-silbernen Knöpfen. Immer wieder wurden solche Kleiderordnungen modifiziert und angepasst – und von den Menschen umgangen, wofür sie immer wieder vom Kirchenkonvent bestraft wurden. Sich zu kleiden war also nicht Privatsache, sondern von der Obrigkeit verordnet. Erst mit der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts und dem gleichzeitigen Aufbrechen der Ständeordnung mit der französischen Revolution, veränderte sich das Kleidungsverhalten. Die Erfindung der Dampfmaschine 1769 und des mechanischen Webstuhles 1785, ermöglichte die Massenfertigung von günstigen Stoffen.2 Der Fall der Ständeordnung ermöglichte es sich zu kleiden, wie man es mochte und konnte. Maschinen, Fabriken und Eisenbahnen veränderten das Leben. Bei Bauern und Weingärtnern im Oberamt Cannstatt setzte sich das aber erst mit einer Zeitverzögerung von rund 50 Jahren, Mitte des 19. Jahrhunderts, durch. Woher wir das wissen? Nun, die württembergischen Beamten waren per Gesetz dazu verpflichtet, vor Hochzeiten sogenannte Beibringens-Inventuren zu erstellen. Das ist nichts anderes als eine Bestandsaufnahme der Liegenschaften und Farnisse (das sind bewegliche Gegenstände), also eine schriftliche Fixierung dessen, was jeder der beiden Ehepartner mit in die Ehe brachte. Doch damit nicht genug. Wenn einer der beiden starb, wurde erneut inventiert. Dann gab es eine Verlassenschafts-Inventur. Das war eine so genannte Eventual-Teilung. Wenn dann der zweite der Eheleute starb, gab es eine Real-Teilung und das Erbe ging per Loszettel an die Kinder oder andere Erben.

Das Inventieren übernahmen der Notar und zwei Waisenrichter. Das Waisengericht war ein dörflich eingesetzter Ausschuss des Gemeinderates, bestehend aus dem Ortsvorsteher bzw. Schultheis und drei bis fünf Gemeinderäten. (Notariatsgesetz vom 14. Juli 1842) Da nun die württembergischen Schreiber nach Zeilen bezahlt wurden, waren sie sehr genau mit den Aufschrieben. So dienen uns diese Inventuren als hervorragende Quelle für die Trachtenforschung, denn die Kleiderbestände waren peinlichst genau aufgelistet, z.B. „1 rotthuchene Weste samt 18 silbernen Knöpfen 4 Gulden.“ Daraus können wir eine Menge lesen: Das Kleidungsstück, nämlich eine Weste, die Stoffart, nämlich Tuch, die Farbe, nämlich rot und die Anzahl und das Material der Knöpfe. In Verbindung mit zeitgenössischen Abbildungen und womöglich anhand von Originalteilen, lässt sich daraus die Festtracht rekonstruieren. Die teuersten Kleidungsstücke war meist die Kirchentracht, die günstigsten waren Alltagskleider. Dazwischen war die Sonn- und Festtagstracht angesiedelt. So konnte man die Kleider allein durch den Wert auch genauer eingrenzen.

Die „Inventuren und Theilungen“ sind für das Oberamt Cannstatt nahezu vollständig von Beginn des 17. Jahrhunderts bis Ende des 19. Jahrhunderts im Stadtarchiv vorhanden. Da dies tausende Akten umfasst, haben wir uns bei der Rekonstruktion der Cannstatter Trachten auf die Zeit um die Volksfestgründung, also auf das Ende des 18. und den Beginn des 19. Jahrhunderts konzentriert.

Die meisten Trachtenrekonstruktionen beschränken sich auf eine Form, die am häufigsten auftaucht, sozusagen die „Durchschnittstracht“. Wir haben das anders gemacht. Wir haben Originale rekonstruiert, also Menschen, die tatsächlich gelebt haben und deren Kleider wir durch die Inventuren kennen. So trägt beispielsweise Waltraud Zaiß heute die Tracht der Frau des Stadtmüllers Johann Philipp Hantsch aus dem Jahr 1804 (Inv 2248/6/1804 Stadtarchiv Stuttgart). Das ist einmalig. Keine andere Trachtengruppe in Baden-Württemberg ist das Thema „Trachtenrekonstruktion“ so zeit- und geldintensiv und so detailgetreu angegangen wie die Trachtengruppe des Kübelesmarkts Bad Cannstatt. 

So haben wir heute ein buntes Bild an Trachten, das zugleich ein Spiegel der sozialen Zusammensetzung der Cannstatter Gesellschaft zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts ist. Vom Weingärtner über den Bauern und Lehrer, bis hin zum Wirt und zur Pfarrersfrau, reicht das Spektrum der Menschen, deren Festtagskleidung wir rekonstruiert haben.

Leider gab es keine originalen Trachtenstücke aus der Zeit mehr. Deshalb haben wir auf originale Vorlagen aus dem Württembergischen Landesmuseum und aus meiner Privatsammlung, die ich weitestgehend dem Württembergischen Trachtenmuseum in Pfullingen geschenkt habe, zurückgegriffen. Als Vorlage für die Männerlederhosen diente ein Original aus Altbach. Als Vorlage für die Frauenmieder verwendeten wir ein Original aus Laichingen, das in der Textilsammlung des Württembergischen Landesmuseums zu finden ist. Darüber hinaus gibt es natürlich auch bildliche Darstellungen. Vor allem das Bild des Hofmalers Carl Alexander von Heideloff (1789-1865), das den Titel dieser Schrift ziert. Dieses gibt es in zahlreichen farbdifferenten Varianten, darauf konnten wir die Form der Männerweste, des Gehrocks, des Dreispitzes und der Hemdschnalle erkennen.

Tracht war nie uniform. Sie war immer variantenreich. Leider können wir aus heutiger Perspektive nur die gröbsten Unterscheidungen zwischen Kirchentracht, Fest- bzw. Sonntagstracht und Alltagstracht vornehmen. Tracht war aber viel differenter, denn sie war immer auch sozialer Indikator. Ein Handwerker kleidete sich anders als ein Bauer, ein Lediger anders als ein Verheirateter, ja, man konnte sogar erkennen, ob jemand in direkter Trauer oder in der Abtrauer war. Diese Sprache der Kleider verstehen wir heute nicht mehr. Dazu brach der Überlieferungsfaden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts.

Waren die Inventuren noch im 18. Jahrhundert weitschweifig und ausführlich, so ordnete König Wilhelm I. das Schreibwesen neu. Laut königlicher Verordnung vom 22.2.1841, wurden die Schreiber dann auch nicht mehr nach Seiten und Zeilen bezahlt, sondern nach Arbeitstagen. So waren Inventuren weniger ausführlich und meist wurden die Kleider nur noch als Pauschalbetrag ausgewiesen. Damit verlor die Inventur als Quelle für die Trachtenforschung völlig an Bedeutung.

Anmerkungen 1 Angelika Bischoff-Luithlen, Der Schwabe und sein Häs, Stuttgart 1982 2 Joachim Faitsch und Wulf Wager, Camisol und Dreieckshuth – Tracht in der Gemeinde Steinenbronn, im 19. Jahrhundert, Steinenbronn 1988

Die Trachtenschneiderlein

Alle Jahre wieder, treffen sich die neuen Trachtis mit unserer Nähmeisterin, Rita Gebauer, an 3-4 Sonntagen im Küblerhaus, um sich die neuen Werktagstrachten auf den Leib zu schneidern. Für viele Damen ist es das erste Mal an der Nähmaschine. Umso stolzer sind die Schneiderinnen, wenn sie am Ende ihr fertiges Werk in den Händen halten.

Die Männer haben es da ein wenig leichter. Sie fertigen zusammen, meist an einem Nachmittag, die Hosenträger für ihre Werktagstracht an. Dabei müssen sie aber auch ein wenig handwerkliches Geschick an den Tag legen. Sie schneiden die Lederstreifen zu und verzieren diese mit speziellem Punzwerkzeug. Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt und machen die Hosenträger so sehr individuell. Die Wolltuchhose übernimmt dann der Schneider Sohn. Das Hemd wird auf dem Flohmarkt gekauft. 

 

 

Fruchtsäulen-Festwagen

Ein Erfahrungsbericht von Edgar Gebauer

Als der damals neugegründete Volksfestverein die Organisation des Cannstatter Volksfestumzuges übernommen hatte, trat Robert Kauderer an Karl-Heinz Rahm heran, um die Trachtengruppe des Kübelesmarkts für die alljährliche Gestaltung des Fruchtsäulenwagens zu gewinnen.

Für die vorher sporadisch stattfindenden Umzüge wurde der Wagen von der Stadtgärtnerei geschmückt. 

Robert Kauderer hatte aber eine besondere Vorgabe. Er wollte, dass der Wagen der Abbildung des Festwagens von 1841 so detailgetreu wie möglich entspricht. Unter der Führung von Karl-Heinz Rahm wurden solcherlei Herausforderungen sofort angenommen.

Der alte Stich mit der Abbildung des Festwagens von 1841 wurde besorgt und studiert. Die Trachtengruppe übernahm das Holzgestell der Fruchtsäule von der Stadtgärtnerei. Wir stellten fest, dass dort schon gute Arbeit geleistet wurde. Alles sah der Vorlage ähnlich. Also wurde in den ersten Jahren die alte Fruchtsäule verwendet. 

Der Wagen selbst wurde mit selbst gebundenen Strohgarben geschmückt, Weinreben wurden gekauft und im Gärtle gehegt und gepflegt, geflochtene Körbe gesucht, bei Gärtnern, Wein- und Obstbauern, die großen Mengen Obst und Gemüse besorgt, und auf dem Wagen dekoriert

Eine der Ideen war, bei der Wilhelma im Schaubauernhof anzufragen. Diese waren von unserer Idee sofort begeistert. Die beiden Limburger Kühe „Sarah“ und „Stina“ werden in den Wochen vor dem Volksfest von ihren Pflegern im Gespann trainiert. Wenn ihnen im Rosensteinpark ein Kuhgespann entgegenkommt, wissen Sie jetzt, warum. An unserem Wagen war die Deichsel für die Kühe zu lang. Beim zweiten Einsatz hatten die Wilhelmamitarbeiter eine eigene, passende Deichsel machen lassen. Es hat sich daraus eine sehr vorzügliche Zusammenarbeit ergeben.

Die alte Fruchtsäule war überwiegend mit Trockenblumen gestaltet. Sie war in die Jahre gekommen und die Schäden waren nicht mehr auszubessern. Im Jahr 2003 wurde dann eine Generalsanierung beschlossen. Es bildete sich ein Team aus Helmut Schanz, Eduard Zaiß und Edgar Gebauer samt ihren Frauen.

Jetzt war die Gelegenheit, alles noch mehr dem Original anzugleichen. Aus dem Bild konnte man die damals verwendeten Materialien nicht erkennen, Trockenblumen waren zu zerbrechlich und die Säule sollte Transporte ohne Schäden überstehen.

Die schwäbischen Tüftler im Team fanden aber pragmatische Lösungen. Für die farbigen Flächen und Strukturen wurden passende farbige Schiffstaue gesucht und gefunden. Für die Dekoration wurden man im Floristen Großhandel fündig. Schalen und Früchte fand man in entsprechenden Farben.

Im August 2003 wurden in über 200 Arbeitsstunden zuerst die alte Dekoration vollkommen entfernt. Da die Stadtgärtner vieles mit Tackern befestigt hatten, mussten zehntausende von Krampen gezogen werden. Dies ging nicht ohne blutige Blasen an Schreibtischtäterhänden. Die ganze Konstruktion wurde dann gestrichen und immer mit dem original Bild daneben neu gestaltet.

Auf dem alten Stich wird der Wagen von 8 Kühen gezogen. In den ersten Jahren standen aber nur Pferdegespanne zur Verfügung. Schließlich konnte die Trachtengruppe ein Ochsengespann aus Schopfloch auf der Alb gewinnen und man war dem Original wieder ein bisschen näher. Als die Ochsen „Kilian“ und „Viktor“ in die Jahre gekommen waren, musste ein neues Gespann gesucht werden.

Auf dem alten Stich ist zu erkennen, dass die Kühe, die den Originalwagen gezogen haben, goldene Hörner hatten. Wir besorgten goldene Lebensmittelfarbe und seither haben die Kühe für den Umzug goldene Hörner.

Im Jahr 1841 fand der Umzug anlässlich des 25. Kronjubiläums von Wilhelm I. statt. Fünf Jahre später 1846 wurde von ihm die Wilhelma eingeweiht. Auch dies ist ein historisches Detail, das Robert Kauderer sicherlich gefallen hat. Ein Traum bleibt bisher: Ein achtspänniges Kuhgespann ...